Transformationsstadt Wuppertal

Transformationsstadt Wuppertal

Im Bergischen finden sich immer mehr Akteure, die den urbanen Wandel aktiv vorantreiben.

Am Wochenende der B7-Eröffnung am 8. und 9. Juli haben sich einige Akteure, die sich aktiv am Transformationsprozess in Wuppertal beteiligen, ihre Visionen im „Garten der Ideen“ präsentiert. Im Kontext der Stadtentwicklung gewinnt der Begriff „Transformation“ zunehmend an Bedeutung. Prof. Dr. Johannes Busmann erläutert, welche Prozesse und Akteure sich dahinter verbergen, welche Aufgaben künftig gelöst werden müssen und welche Transformationsprozesse in Wuppertal bereits initiiert wurden.

In der öffentlichen Diskussion zur Stadtentwicklung fällt immer wieder der Begriff „Transformation“. Was genau ist darunter zu verstehen?
Transformation bedeutet, Dinge zu verändern, wie z.B. Quartiere, Brachflächen oder leerstehende Gebäude. Es geht darum, darüber nachzudenken, was in diesen Gebäuden oder Quartieren stattfinden könnte und zu überlegen, was diesen Bereichen gut tun könnte und welche neuen Dinge eventuell auch zu neuem Interesse, neuen Qualitäten und neuen Atmosphären führen könnten. Darüber hinaus meint der Begriff auch „bürgerschaftliches Engagement“. Die Veränderungen werden nicht mehr allein durch die Städte bzw. Ämter initiiert, sondern durch Nachbarschaften bzw. Menschen, die erkennen, dass bestimmte Dinge nicht mehr funktionieren. Sie überlegen sich Projekte, wie sie Quartiere wieder attraktiver machen können und starten gemeinschaftliche Initiativen, die dann in Vereinen u.ä. ihren Niederschlag finden. Diese Form von ziviler Gesellschaft und zivilen Aktivitäten ist das eigentlich Spannende an einer „urbanen Transformation“. Wuppertal hat viele spannende Beispiele, die weit über die Grenzen hinaus bekannt sind und erfolgreich wahrgenommen werden, wie z.B. die Nordbahntrasse, Utopiastadt und auch der Aufbruch Arrenberg . All das sind Initiativen, die Veränderungen in Stadtquartieren oder das Beleben von besonderen Gebäuden vornehmen und so neue Perspektiven für Stadtquartiere aufzeigen wollen.

Welche Hauptakteure sind maßgeblich am Transformationsprozess in Wuppertal beteiligt und welche Rolle übernehmen sie?
Anders als noch vor einigen Jahren sind es nicht mehr nur die Städte, die Veränderungen anschieben, sondern das zunehmende Miteinander und die Initiativen vonseiten der Bürgerinnen und Bürger. Sie verfolgen andere Ziele als Kommunen und entwickeln so ganz neue Ideen für die Stadt. Beim Aufbruch am Arrenberg hat sich beispielsweise die Gemeinschaft vorgenommen, aus dem Arrenberg ein CO2-neutrales Quartier zu entwickeln – eine unglaublich engagierte Herausforderung. Tatsächlich sind die Initiativen, die im Aufbruch am Arrenberg nun erkennbar sind, sehr qualitätvoll und finden in ausgezeichneten Projekten ihren Niederschlag. Das ist kein Projekt, das über die Stadt initiiert worden ist. Auch bei der Nordbahntrasse und Utopiastadt war es so, dass man sich anfangs mit Projektideen getroffen hat. Aus ihnen sind nun spannende Orte entstanden, die wie im Falle von Utopiastadt auch gefördert werden.

Welche Aufgaben haben diese Akteure zu lösen?
Die spannende Frage, die nach der Ideenfindung aufschlägt, ist, wie man Menschen gewinnt, die mitmachen wollen und die genauso begeistert sind wie diejenigen, die die ersten kreativen Ansätze gehabt haben. Diese Art von Gemeinschaft zu initiieren, Öffentlichkeit zu gewinnen, Überzeugungsarbeit zu leisten und Menschen hinter sich zu versammeln ist das Spannende und Schwierige und zugleich der qualitätvolle Ansatz, der bei Transformationsprozessen sehr geschätzt und gefördert wird. Jeder, der im privaten Bereich seine Projekte lancieren will, weiß, dass das meist nicht alleine geht, sondern immer nur zusammen mit Freunden, Bekannten oder Mitstreitern. Das ist auch das unglaublich Interessante, was wir in den letzten Jahren in Wuppertal merken: Diese Art von Projektentwicklung und Projektideen bildet sich in einer Gemeinschaft von Menschen ab, die man immer wieder zusammenbringen und überzeugen muss. Aus einer einzelnen privaten Idee weniger wird so plötzlich ein Projekt vieler, d.h. eine gemeinschaftliche und öffentliche Aufgabe. Man muss an dieser Stelle fragen, welchen Vorteil die Öffentlichkeit hat und welchen Nutzen die Gemeinschaft innerhalb einer Nachbarschaft oder einem Quartier aus dem jeweiligen Vorhaben ziehen kann. Insofern haben solche Projekte immer auch mit unternehmerischen Aspekten und immobilienwirtschaftlichen Fragen zu tun und müssen sich darüber hinaus dem Problem stellen, ob sie einem öffentlichen Interesse begegnen, aus dem mehr werden kann. In Wuppertal sind wir mit vielen Projekten auf einem spannenden und beispielhaften Weg. Es gibt nicht viele Städte, die solch eine Ansammlung von privatbürgerlich initiierten Transformationsprojekten und -prozessen vorzuweisen haben, die dank ihrer Projektqualität auch realisiert werden.

Gibt es Faktoren oder Kriterien anhand derer der Transformationsprozess messbar oder sichtbar wird?
Übliche Evaluationsprozesse greifen bei der Komplexität von Transformationsprozessen und bürgerlich initiierten Projekten sicherlich nicht unmittelbar. Messbar oder sichtbar werden Transformationsprozesse dann, wenn man erkennen kann, dass sich eine Öffentlichlichkeit und eine Akteursgemeinschaft gebildet hat, die vital und lebendig ist und hinter der sich viele Menschen mit einem positiven Geist versammeln, um an gemeinsamen Zielen zu arbeiten. Vielleicht kann man sogar soweit gehen und sagen, dass dies ein neuer Geist von Stadt und Stadtgemeinschaft ist bzw. ein neuer Weg, sich Stadträume anzueignen und auch Stadtgesellschaft wieder neu zu lernen. Stadt ist eben nicht Stadtverwaltung, sondern die Menge aller Menschen, die sich die Stadt in ihrem Leben mit bürgerschaftlichem Engagement zu eigen machen wollen. Aneignung und Teilhabe an dem, was Stadt ist und was Stadtgestaltung bedeutet, ist sicherlich einer der zentralen Punkte, aus denen heraus wir alle wieder zivile Gesellschaft lernen müssen. Vor diesem Hintergrund ist Transformation, also das Verändern von Stadträumen über selbstständiges Handeln, sicherlich einer der zentralen Begriffe und gedanklichen Ansätze. Das Pendant zu kommunalen Projekten ist an diesem Punkt immer Bürgerbeteiligung, Partizipation, das Einbeziehen interessierter Öffentlichkeit, die sich an Planungsprozessen beteiligen will und auch soll. Beispielhaft ist hier die „Qualitätsoffensive Innenstadt“ mit ihrer „Innenstadtkonferenz“, die sich mit der Qualität der Elberfelder Innenstadt, den Nutzungen und auch den Veränderungsnotwendigkeiten beschäftigt und einen unglaublich großen Impuls geschaffen hat.

Zur B7-Eröffnung haben sich einige der o.g. Akteure im „Garten der Ideen“ präsentiert. Könnten Sie das Konzept kurz erläutern?
Wir haben uns überlegt, ob es bei der B7-Eröffnung nicht einen Raum geben soll, der mit dem Asphalt bricht und eine ganz andere Ästhetik und Wahrnehmung vermittelt. Deswegen legen wir Rasen aus, auf dem sechs Container platziert werden, in denen Akteure, die für Transformation stehen, ihre Ideen zur Veränderung von Stadt zeigen. Teilnehmen werden Utopiastadt, der Aufbruch am Arrenberg, die Innenstadtkonferenz, die Bergische Universität Wuppertal, die Junior Uni und Studierende des Studienganges Public Interest Design, die die gesamte Idee des „urbanen Gartens“ maßgeblich mitgestaltet haben.

Historisch betrachtet gibt es immer wieder Zeitpunkte, zu denen sich ein grundlegender Wandel in der Gesellschaft vollzogen hat – man denke an die Sesshaftwerdung des Menschen oder die Industrialisierung. Nehmen die Bürgerinnen und Bürger im Kontext der Transformation eine aktivere Rolle in der Gestaltung ein?
Ich glaube, dass wir in einer Zeit leben, in der insbesondere die Jüngeren merken, dass sie nicht darauf warten können, dass sich Stadt von außen ändert, und Veränderungen – wenn sie denn stattfinden – nur wenig mit ihnen zu tun haben. Auf der anderen Seite realisieren sie, dass sie tatsächlich Stadt gestalten können, wenn sie die Initiative ergreifen. Diese „alte“ und „neue“ Auseinandersetzung mit und Aneignung von Stadt wird in den nächsten Jahren häufiger werden. Sie wird durch Ideenentwicklung, bürgerliche Beteiligung etc. zunehmend initiativ werden.

Kann die Transformation in diesem Kontext auch als Deutungsmöglichkeit unserer Zeit bzw. unserer Gesellschaft angesehen werden?
Ja. Es geht darum, dass wir eine neue Unmittelbarkeit erreichen zwischen dem, was wir privat tun und wollen, und dem, was der öffentliche Raum bzw. die Gesellschaft ist und was für Ansprüche diese Gesellschaft an uns stellt. Die Trennung zwischen dem, was ich alleine bin, was ich alleine will und dem, was die Stadt für mich und für andere zu tun hat, war aus meiner Sicht sehr unglücklich. Stattdessen sollten wir über die Fragen von bürgerlicher Beteiligung und ziviler Gesellschaft in ein anregendes Verständnis vom Miteinander leben und Gesellschaft einsteigen können. Tatsächlich geht es immer wieder um denselben Satz, den John F. Kennedy vor vielen Jahren gesagt hat: Frag nicht, was das Land für dich tun kann, sondern frag, was du für das Land tun kannst. Die Fähigkeit, sich auch als Teil des Öffentlichen zu begreifen, als jemand, der mitgestalten und diese Öffentlichkeit in neue Qualitäten bringen kann – das ist es, was Transformation/ Aneignung in einer urbanen Gesellschaft am besten beschreibt.

Das Interview führte Susanne Peick