Die Erfindung des  Luisenviertels

Getarnte Neustadt

Wie die Stadt das Luisenviertel erst erfand – und dann beinahe direkt wieder verlor.

Sanierte Altbau-Fassaden, enge Gassen, Cafés und kleine Ladenlokale mit handgefertigten Einzelstücken: So sieht eine klassische Altstadt aus. Oder etwa nicht? Wer die Bewohnern des Luisenviertels Mitte des 19. Jahrhunderts mit diesen Gedanken konfrontiert hätte, hätte vermutlich unwirsches Kopfschütteln geerntet. „Altstadt? Das sind wir nicht. Altstadt, das sind doch die da drüben“, hätte jemand gesagt, verbunden mit einem energischen Nicken Richtung Kasinokreisel und der dahinterliegenden Innenstadt.

Tatsächlich hätte er damit völlig Recht gehabt, denn was viele heute als Altstadt verstehen, ist in der Tat das Gegenteil. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts reichte Elberfeld ziemlich genau bis zum Kasinokreisel. Dahinter: nur vereinzelte Häuser und viele unbebaute Flächen und der Laurentiusplatz, an dem heute die gleichnamige Kirche steht? Er war bloß ein Acker, auf dem einmal im Jahr um die Osterzeit ein großer Jahrmarkt stattfand. Diese Funktion lässt sich übrigens auch heute noch im Namen einer Straße wiederfinden, die lediglich einen Steinwurf vom Laurentiusplatz entfernt liegt: Osterfelder Straße.

„Mit dem Aufschwung und dem Wachstum Elberfelds herrschte Ende des 18. Jahrhunderts eine große Wohnungsnot“, erklärt Historiker Reiner Rhefus. „Also hat die Stadt beschlossen, insgesamt drei neue Wohngebiete auszuweisen.“ Die Wahl fiel unter anderem auf das heutige Luisenviertel, damals noch vor den Toren Elberfelds gelegen. So entstand nach und nach ein völlig neues und vergleichsweise modernes Quartier: Die Stadt wies Grundstücke aus und verkaufte sie an einzelne Bauherren, die dort ihre Häuser errichteten. Große Investoren und gesamtplanerische Ansätze wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht.

Gleichwohl gab die Stadt das neue Viertel nicht völlig aus der Hand. Mit dem Laurentiusplatz setzte sie einen starken gestalterischen Akzent, der bei- nahe noch etwas eindrucksvoller geraten wäre, als er sich heute darstellt. „Die ersten Entwürfe aus dem Jahr 1817 stamm- ten von Adolf von Vagedes, damals einer der wichtigsten Architekten im Rheinland“, sagt Rhefus. Und Vagedes hatte Großes mit dem neu zu schaffenen Laurentiusplatz vor: Er stellte ihn sich als einen pompösen Rundplatz, mit einer prunkvollen Bebauung am Rande vor.

Der Kirche gegenüber stellte der Architekt die Börse – und hätte so ein neues Stadtzentrum im Westen geschaffen. Doch die sparsamen Elberfelder entschieden sich anders und nahmen die Sache selbst in die Hand. Die kostspieligeren Pläne von Vagedes, der im Auftrag der Landesregierung gehandelt hatte, während die Elberfelder diejenigen waren, die die Baumaßnahmen bezahlen mussten, wurden verworfen und der Platz in seiner heutigen Optik gebaut. 1828 wurden die Arbeiten bewilligt, wenige Jahre später konnte der Platz eingeweiht werden.

Auch wenn die Stadt die ganz große Vision für das Luisenviertel nicht in Angriff nahm, änderte das nichts am Erfolg des neuen Quartiers – und gibt der Entscheidung für die kleinere Version des Laurentiusplatzes im Nachhinein wohl recht: Namhafte Firmen und Unternehmen siedelten sich hier an, etwa die Feuerversicherung, die 1924 das Haus baute, in dem sich heute die Mundus-Seniorenresidenz befindet. Die Versicherung, eine Initiative der in Wuppertal ansässigen Händler, war damals eine von nur 40 Aktiengesellschaften in ganz Deutschland und lässt den Wohlstand und den Erfolg der damaligen Stadt Elberfeld erahnen.

Die beiden Weltkriege überstand das Luisenviertel vergleichs- weise unbeschadet, sodass viel alte Bausubstanz erhalten blieb. Die eigentliche Innenstadt Elberfelds hingegen wurde duch Bombenangriffe fast völlig zerstört. Nach und nach enstanden hier später die heute verhältnismäßig uncharmanten Gebäude. Dass diese eigentlich auf historischem Grund stehen – und zwar dort, wo früher einmal die Burg Elberfeld gestanden hat – lässt sich heute nur noch an zwei Dingen erkennen: an den Straßennamen (Turmhof, Wall) und an den engen und eher gewundenen Straßen der Fußgängerzone, die auf die historischen Gassen rund um die Burg zurückgehen.

Durch die Kriegswirren und ein ehemaliges Neubaugebiet kam Wuppertal schließlich zu seiner „Altstadt“ – und hätte sie beinahe direkt wieder verloren. Denn in den 60er-Jahren war alles, was alt war, negativ besetzt, sagt Wolf Birke, der als Fotograf mit seinem Atelier heute die längste Zeit gewerblich an der Luisenstraße ansässig ist: „Die Menschen haben auf Amerika geschaut, sie wollten modern sein, neue Dinge bauen.“

Zusammen mit der damals ebenfalls modernen Idee, Wuppertal zur autogerechten Stadt zu machen – was den Wuppertalern immerhin die A46, das Sonnborner Kreuz und den alten Döppersberg beschert hat – wäre fast eine aus heutiger Sicht katastrophale Entscheidung getroffen worden: Pläne sahen vor, große Teile des Luisenviertels und der Elberfelder Nordstadt abzureißen. Dort sollten sowohl eine breite Straße für den Autoverkehr als auch mehrere sogenannte Terrassenhäuser entstehen, von denen eines heute an seinem Standort zwischen Friedrich-Ebert-Straße und Nützenberger Straße bewundert werden kann. „Gegen diese Pläne haben die Anwohner sich massiv gewehrt“, sagt Wolf Birke.

Glücklicherweise ging dieses sich zur Wehr setzen über das bekannte Maß, Bagger und Baustellenfahrzeuge zu blockieren, hinaus. „Zum einen haben die neuen Anwohner einige der zugegebenermaßen damals eher baufälligen Häuser erworben und der Stadt so einen Abriss sehr schwer möglich gemacht. Zum anderen haben sie aber auch immer konstruktive und realistische Pläne vorgelegt, wie das Viertel stattdessen gestaltet werden könnte.“

Aus dieser Bewegung, die bundesweit ihre Entsprechungen hatte, entstand im Deutschland der Nachkriegszeit zum ersten Mal eine Wertschätzung für Altbauten. Die wehrhaften Anwohner gerieten auf diese Weise zum Glücksfall für Wuppertal. Denn wie sonst könnte man heute einen schönen, entspannten Nachmittag in der Altstadt in Elberfeld verbringen, die doch eigentlich die Neustadt ist.